Berlin – Zur Motivation hatte Sandra Wallenhorst ihr Handy mitgenommen. Wenn sie schon am Tag des Rennens in Roth stundenlang auf dem Rad trainieren sollte, dann doch wenigstens mit Liveticker aus dem Internet. Und so pedalierte die Europameisterin im Ironman-Triathlon vor sich hin und bekam jede Zwischenzeit ihrer Kontrahentin Chrissie Wellington angezeigt. Doch was sie da sah, war alles andere als motivierend. Denn als Wellington in Roth nach 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 auf dem Rad und einem vollen Marathon ins Ziel lief, da zeigte Wallenhorsts Handy eine schier unfassbare Zeit: 8 Stunden, 19 Minuten und 13 Sekunden, Weltbestzeit, verbessert um rund 12 Minuten.

“Ich habe gedacht: Jetzt macht es keinen Spaß mehr”, sagt Wallenhorst, die bei ihrem Titelgewinn in Frankfurt 9:04:27 Stunden unterwegs war: “Ich kam mir auf einmal so langsam vor”.

Tatsächlich ist die 33 Jahre alte Britin in ungeahnte Sphären vorgestoßen. Eine Zeit unter 8:30 schien nach ihrem Rennen im Vorjahr, als sie in 8:31:59 Stunden die alte Bestmarke um fast 20 Minuten unterbot, zwar nur eine Frage der Zeit zu sein. Aber selbst Wellington schien ob ihres erneuten Leistungssprungs schockiert: “Ich wusste, ich bin gut drauf. Aber eine solche Zeit hätte ich niemals für möglich gehalten”, sagte sie.

Das verblüffende an ihrer Leistung aber ist vor allem, dass sie langsam selbst den weltbesten Männern Konkurrenz macht. Nur sechs Profis waren schneller als sie, der Rückstand auf den Sieger Rasmus Henning aus Dänemark war geringer als ihr Vorsprung auf die zweite Frau, Rebekah Keat (8:52:10) aus Australien. “Wenn sie so weitermacht, müssen wir demnächst drei Kategorien führen: Männer, Frauen und Chrissie”, scherzt Europameisterin Wallenhorst.

Doch nicht überall kommen die Auftritte der Britin gut an. Im Lager der Männer schweigt man zu dem Thema, ein bisschen argwöhnisch betrachtet man die Frau, die sich anschickt, ihnen Konkurrenz zu machen und die jeden Zweifel über ihre Sauberkeit mit einem unwiderstehlichen Lächeln wegwischt – zumal es bislang keinerlei Hinweise gibt, die sie mit Doping in Verbindung bringen. Acht Tests waren in diesem Jahr negativ. Sie selbst sagt: “Ich kann in den Spiegel schauen und weiß, dass ich sauber bin”.

Eine wirkliche Erklärung für das Phänomen Chrissie Wellington hat trotzdem kaum jemand. “Beim Ironman handelt es sich um eine Belastung im extremen Ausdauerbereich, dort haben Frauen körperlich weniger Nachteile als bei Schnelligkeits- oder Kraftsportarten gegenüber Männern”, erklärt Klaus Pöttgen, der Rennarzt beim Ironman in Frankfurt. “Wellington zieht im Training Männerprogramme durch, ist im Bereich Wettkampfernährung perfektioniert und kann sich offenbar auch mental voll darauf einlassen”, sagt er.

Letzteres mag auch an ihrer Zeit in Nepal liegen, wo sie von 2004 an 16 Monate für eine Entwicklungsorganisation arbeitete. “Die Zeit dort hat meinen Blick auf das Leben verändert, die Menschen dort haben andere Probleme”, sagt Wellington.

Im Himalaja entdeckte sie schließlich ihre Liebe zum Radsport, wenn auch erst zum Mountainbiken. Weil sie in ihrer Jugend bereits geschwommen war, lag der Schritt zum Triathlon nach ihrer Rückkehr nach London recht nahe. Bei ihrem ersten Wettkampf allerdings musste sie gerettet werden, ihr Neoprenanzug war vollgelaufen. Über solche Anekdoten kann sie heute nur noch lachen, ihr erstes Profirennen über die Ironman-Distanz 2007 gewann sie genauso wie alle weiteren Langdistanz-Rennen danach. Die vergangenen drei Jahre siegte sie bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii, in diesem Jahr wird ihr vierter Titel folgen. Ihr letzter Motivator ist die Uhr: “Ich will beweisen, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern im Ausdauersport gering ist. Jemand muss den Anfang machen”, sagt sie. Und fügt an: “Ich weiß, dass ich noch schneller sein kann”.